Fachkräftemangel und Langzeitarbeitslosigkeit wirkungsvoll entgegenwirken:
Ausländische Fachkräfte und öffentlich geförderte Beschäftigungsprojekte können Probleme allein nicht lösen


10. August 2007


Sehr geehrte(r) Frau/Herr ………. ,

gestatten Sie, dass ich zu Beginn meiner Ausführungen erneut einige Presseveröffentlichungen der letzten Wochen zu den Themen Fachkräftemangel, Langzeitarbeitslosigkeit und berufliche Weiterbildung in Auszügen zitiere:

Eigentlich scheinen sich also alle maßgeblichen Seiten (Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften) einig zu sein: Spätestens jetzt, in einer Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs, wird die nicht zuletzt von der Politik (z. B. aufgrund einiger gesetzlicher Regelungen im Zuge der „Hartz-Reformen“) verursachte geringe Nutzung des Arbeitsmarktinstruments „Förderung der beruflichen Weiterbildung (FbW)“ zu einem Boomerang, dem man nun mit einer verstärkten Qualifizierungsoffensive in den Unternehmen, aber auch in den Arbeitsagenturen und vor allem den Arbeitsgemeinschaften eigentlich energisch entgegenwirken müsste.

Die Realität zeigt – zumindest in Sachsen-Anhalt – jedoch anderes:

Zwar ist die Anzahl von Neueintritten von Arbeitslosen in FbW-Maßnahmen in den Jahren 2006 und nun auch 2007 im Vergleich zum „Tiefstandsjahr“ 2005 merklich gestiegen (wenn auch im Vergleich zu anderen Arbeitsmarktinstrumenten noch immer auf niedrigem Niveau).

Im April 2007 (aus diesem Monat stammen die neuesten vorliegenden Arbeitsmarktzahlen) ging jedoch die Anzahl der Neueintritte in FBW-Maßnahmen erstmalig wieder deutlich im Vergleich zum Vormonat zurück (- 13 Prozent).

Bei anderen Arbeitsmarktinstrumenten (z. B. ABM oder Trainingsmaßnahmen) war hingegen auch im April in Sachsen-Anhalt ein bemerkenswerter Anstieg der Neueintritte zu verzeichnen (bei ABM z. B. um + 25 Prozent). Die genauen Neueintrittszahlen können Sie den Anlagen 1 und 2 zu diesem Schreiben entnehmen.

Zwar wirbt inzwischen auch die Regionaldirektion Sachsen-Anhalt/Thüringen der Bundesagentur für Arbeit insbesondere gegenüber den ARGE´n für eine verstärkte Nutzung des Instruments FbW.

Bei von mir in den letzten Wochen in allen AA-Bezirken Sachsen-Anhalts geführten Gesprächen mit den jeweiligen Geschäftsleitungen der Arbeitsagenturen zeigten sich jedoch ebenfalls verschiedene Probleme:  

  1. Zum einen scheint es durchgängig verstärkt schwieriger zu sein, Arbeitslose zu finden, die ausschließlich mit kurzläufigen (modularen) Weiterbildungen für die konkreten Ansprüche der Wirtschaft fitgemacht werden könnten. Dass die Agenturen noch immer sehr ungern auf nachhaltigere Weiterbildungen setzen, kann auch aus der Anlage 3 zu diesem Schreiben geschlussfolgert werden: So ist trotz eines deutlichen Anstiegs der Neueintritte von Teilnehmern an FbW-Maßnahmen zwischen März und September 2006 in Sachsen-Anhalt der am Ende eines Monats von der BA festgestellte Weiterbildungsteilnehmerbestand im September 2006 im Vergleich zum März 2006 sogar noch einmal zurückgegangen.
     
  2. Seitens der Agenturen wird bemängelt, dass sich vor allem die ARGE´n  noch zu sehr auf die „Bestückung“ der Arbeitsgelegenheiten (sog. 1-€-Jobs) konzentrieren würden, während die berufliche Weiterbildung gerade für Langzeitarbeitslose kaum in Betracht gezogen werden würde. Dies gilt im verstärkten Maße auch für arbeitslose Jugendliche.

  3. Auch die Signale, die von der Bundesregierung kommen, werden von den Arbeitsagenturen nicht als Ermutigung für eine verstärkte Nutzung der beruflichen Weiterbildung verstanden. Nach den AB-Maßnahmen, den Arbeitsgelegenheiten und nach der (in Sachsen-Anhalt modellhaft durchgeführten) Bürgerarbeit, soll nunmehr dem Problem der Langzeitarbeitslosigkeit offensichtlich nach den Vorstellungen des Bundesarbeitsministeriums mit dem sog. „Kommunalen Kombilohnmodell“ entgegengewirkt werden.

    Diesen aufgezählten Arbeitsmarktinstrumenten ist jedoch in erster Linie gemein, dass die Arbeitslosen nach der Beendigung derartiger öffentlich geförderter Beschäftigungsmaßnahmen in aller Regel arbeitslos bleiben und dass diese subventionierten Beschäftigungsprojekte immer Gefahr laufen, reguläre Arbeitsplätze zu gefährden.

    Wählt man hingegen die Teilnehmer an zielgerichteten und arbeitsplatzorientierten Weiterbildungsmaßnahmen (z. B. Schweißer, CNC-Fachleute, Mechatroniker, Logistikfachleute, IT-Fachleute, Lackierer, Zerspaner usw.) sorgfältig aus, besteht – gerade in der derzeitigen konjunkturellen Lage – eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass diese Fachkräfte nach Beendigung der Weiterbildungsmaßnahmen auf Dauer eine sozialversicherungspflichtige (nicht subventionierte) Tätigkeit auch in Sachsen-Anhalt aufnehmen können.

    Zudem gibt es immer wieder Fälle, in denen die AAen und ARGE´n die Ausgabe von Bildungsgutscheinen z. B. für IT-Weiterbildungen trotz Einstellungszusagen mit der Begründung verweigern, dass sie in ihren Dateien bereits qualifizierte IT-Fachleute als arbeitslos führen würden. Diese Qualifikationen liegen jedoch teilweise schon jahrelang zurück und sind angesichts der rasanten Entwicklungen in der IT-Branche kaum noch von Nutzem.

  4. Schließlich werden teilweise auch einige gesetzliche Regelungen (z. B. zum Aussteuerungsbetrag oder zu nichtverkürzbaren Umschulungen nach § 85 Abs. 2 Satz 3 SGB III) sowie Zielvereinbarungen mit der BA (z. B. Absenkung der durchschnittlichen Maßnahmendauer und Maßnahmenkosten) als höchst kontraproduktiv hinsichtlich der eigentlich notwendigen verstärkten Nutzung von FbW-Maßnahmen empfunden. Einige AAen würden inzwischen aufgrund des vorhandenen Bedarfs auch gern wieder die Umschulungen beispielsweise von Altenpflegern oder Ergotherapeuten fördern. Dies sei aufgrund der gesetzlichen und internen Rahmenbedingungen    aber kaum möglich.

Ich bitte Sie daher erneut um Ihre Unterstützung bei der Lösung dieses – aus meiner Sicht volkswirtschaftlich und sozialpolitisch hochbrisanten – Problems.

Die Politik sollte sich – über Fraktionsgrenzen hinweg – deutlich zur Wichtigkeit des lebenslangen Lernens und damit auch zur Förderung der beruflichen Weiterbildung von Arbeitslosen positionieren. Arbeitsmarktprogramme sollten nicht in erster Linie lediglich auf den zweiten oder gar dritten Arbeitsmarkt ausgerichtet sein. Auch bürokratische Programme mit teilweise unrealistischen Vorgaben (z. B. das von der Wirtschaft bisher kaum genutzte WegeBau-Programm) müssen auf den Prüfstand gestellt und so flexibel wie möglich gehandhabt werden. Dies gilt für Bundes – genauso wie für Landesprogramme. Schließlich müssen auch einige Korrekturen an gesetzlichen Regelungen im SGB II und III (z. B. hinsichtlich des bereits erwähnten § 85 Abs. 2 Satz 3 SGB III) dringend vorgenommen werden.

Hiermit könnte aus unser Sicht ein wertvoller Beitrag geleistet werden, um das Fachkräftemangelproblem nicht unerheblich zu entschärfen, die sozialen Sicherungs- und Steuersysteme zu entlasten, auch Langzeitarbeitslose am wirtschaftlichen Aufschwung teilhaben zu lassen sowie einer Abschwächung der Konjunktur entgegenzuwirken.

Für Ihr Interesse an meinen Ausführungen und Ihre Unterstützung danke ich Ihnen bereits jetzt schon.


Mit freundlichen Grüßen
Jürgen Banse
- Geschäftsführer -


Anlage 1- 3 (als PDF)