Wichtiger Qualifizierungsinitiative der Bundesregierung fehlt nachhaltige Weiterbildungsstrategie


24. Januar 2008

 

Sehr geehrte(r) Frau/Herr,

zunächst möchte ich Ihnen im Namen des VDP Sachsen-Anhalt gern noch ein gesundes und erfolgreiches Jahr 2008 wünschen.

Da die vor kurzem vorgestellte Qualifizierungsinitiative der Bundesregierung auf ein relativ großes Medienecho stieß, möchte ich gleichfalls zu Beginn des neuen Jahres die Gelegenheit nutzen, um Sie erneut auf die große wirtschafts- und sozialpolitische Bedeutung einer nachhaltigen Weiterbildungsstrategie auch und vor allem der Bundesregierung aufmerksam zu machen.

Zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich Sie jedoch mit einem Zitat und verschiedenen Fakten konfrontieren:

Es wäre sicherlich falsch und sehr polemisch, wenn man die Anstrengungen der Bundesregierung zum Abbau der Arbeitslosigkeit und zur Abminderung des Fachkräftemangels allein auf die Vornahme einer Korrektur der Arbeitslosenstatistik reduzieren würde. Beispielsweise durch den Beschluss der Qualifizierungsinitiative hat die Bundesregierung erst jüngst einen beachtlichen Schritt zur Lösung des vorgenannten Problems unternommen.

Dennoch muss kritisch angemerkt werden, dass die Bundesregierung – trotz einer entsprechenden Verankerung im Koalitionsvertrag von 2005 – auch weiterhin eine nachhaltige und langfristige Weiterbildungsstrategie vermissen lässt. Zwar bekennt sich die Bundesregierung in ihrer Qualifizierungsinitiative ausdrücklich zur Wichtigkeit der Weiterbildung und dazu, dass die Förderung der beruflichen Weiterbildung (FbW) ein „Kernelement der Arbeitsmarktpolitik“ bleiben soll. Weiterhin wird darauf verwiesen, dass die Agenturen für Arbeit und Arbeitsgemeinschaften ihre Anstrengungen in der Weiterbildungsförderung weiter verstärkt hätten.

Hierdurch bleiben jedoch folgende Gesichtspunkte im wesentlichen unberücksichtigt:

Diese Zahlen müssen dennoch als höchst ernüchternd bezeichnet werden:

  1. Die Anzahl der Neueintritte von Arbeitslosen in die berufliche Weiterbildung im Vergleich zum September 2007 war noch im März 2002 mehr als dreimal so hoch.

  2. Bei der Ausgabe von Bildungsgutscheinen scheint man in erster Linie auf eine möglichst kurze Zeitdauer der vermittelten Weiterbildung zu achten.    Nur so ist zu erklären, warum der gesondert ermittelte Bestand der FbW-Teilnehmer trotz der zwischenzeitlich gestiegenen Neueintritte im März 2005 (5.385 Teilnehmer) und sogar noch im März 2007 (4.918 Teilnehmer) deutlich höher war als im September 2007 (4.488 Teilnehmer), also in der Hochzeit des wirtschaftlichen Aufschwungs und des häufig beklagten Fachkräftemangels. Im März 2002 lag der Teilnehmerbestand in der beruflichen Weiterbildung in Sachsen-Anhalt übrigens bei 28.116 (Rückgang seitdem um 86 %!). Gerade aber bei Langzeitarbeitslosen und/oder Geringqualifizierten muss eine vermittelte berufliche Weiterbildung nahezu zwangsläufig umfangreicher und intensiver sein, um einen auch langfristig sowie nachhaltig wirkenden (Eingliederungs-)Erfolg erzielen zu können.

  3. Noch immer setzen die SGB-II- und –III-Träger wesentlich stärker auf Arbeitsmarktinstrumente wie Eignungsfeststellungen/Trainingsmaßnahmen (fünfmal mehr Neueintritte von Januar bis September 2007 in Sachsen-Anhalt als in berufliche Weiterbildung) oder Arbeitsgelegenheiten (fast dreimal mehr Neueintritte im selben Zeitraum), obwohl diese nur selten dazu geeignet sind, Langzeitarbeitslose/Geringqualifizierte dauerhaft und unsubventioniert in Arbeit zu bringen.

Zur Untermauerung dieser vorgebrachten Argumente füge ich diesem Schreiben zwei Statistiken (Anlagen 1 und 2) bei, die auf dem veröffentlichten Zahlenmaterial der Bundesagentur für Arbeit beruhen.

Aus Ihrer wirtschaftlichen und sozialpolitischen Verantwortung heraus bitte ich Sie deshalb erneut, sich dafür einzusetzen, dass sich die Bundesregierung zeitnah mit einer nachhaltigen Weiterbildungsstrategie beschäftigen sollte, die sowohl die Belange der Arbeitgeber, Beschäftigten und Kurzzeitarbeitslosen berücksichtigt wie gleichermaßen auch die der Langzeitarbeitslosen und/oder Geringqualifizierten.

Schon jetzt danke ich Ihnen für Ihr Interesse an der dargestellten Thematik sowie für Ihre Unterstützung. Für eventuell auftretende Rückfragen stehe ich Ihnen selbstverständlich gern zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Jürgen Banse
- Geschäftsführer -

 


- Anlage 1 -

Entwicklung der Neueintritte und des Bestandes von Arbeitslosengeld-I-
              und –II-Empfänger in Maßnahmen zur Förderung der beruflichen
Weiterbildung (FbW) in Sachsen-Anhalt

 

Monat

Anzahl der Neueintritte
in FbW

Teilnehmerbestand in
FbW-Maßnahmen

März           2002

4.413

28.116

September  2002

3.821

27.894

März           2003

1.353

21.127

September  2003

2.099

16.684

März           2004

928

13.002

September  2004

630

7.796

März           2005

135

5.385

September  2005

210

4.198

März           2006

365

4.318

 September 2006

1.436

4.213

März           2007

1.532

4.918

September  2007

1.463

4.488

 Quelle: Statistik der Bundesagentur für Arbeit

 


 

- Anlage 2 -

Arbeitsmarktpolitische Entwicklungen in Sachsen-Anhalt im Jahr 2007

 

(Neueintritte von Arbeitslosengeld-I- und II -Empfängern in ausgewählte Arbeitsmarktinstrumente von Januar bis September 2007 auf Grundlage der Anfang Januar 2008 von der BA veröffentlichten endgültigen Zahlen)
                                                                                 


Agenturbezirk
(Arbeitsagentur + Arbeitsgemeinschaften)

Berufliche
Weiterbildung

(in Klammern:
Neueintritte im September )

Trainingsmaßnahmen+
Eignungsfeststellungen

(in Klammern:
Neueintritte im September)

ABM


(in Klammern:
Neueintritte im September)

Arbeitsgelegenheiten
(1-€-Jobs)

(in Klammern:
Neueintritte im September)

Gemeldete
Arbeitslose im

September 2007

Dessau

     917   (   124)

       4.643   (   505)

     255   (   46)

    1.993    (   189)

20.801

Halberstadt

  1.160   (   272)

       5.355   (   542)

     196   (   40)

    3.092    (   415)

16.902

Halle

  2.484   (   258)

       9.544   (1.150)

  1.108   (   59)

    4.299    (   392)

31.550

Magdeburg

  2.130   (   172)

     14.520   (2.041)

     543   (   42)

    9.927    (1.014)

39.114

Merseburg

  1.303   (   200)

       5.890   (   792)

     569   (   35)

    3.360    (   444)

29.020

Sangerhausen

  1.466   (   243)

       8.143   (1.013)

  1.588   ( 105)

    3.180    (   360)

24.251

Stendal

     649   (   103)

       4.169   (   565)

     799   ( 190)

    3.741    (   459)

19.442

Wittenberg

     561   (     91)

       1.924   (   170)

     165   (   12)

    1.554    (   110)

  8.830

Gesamt

10.670    (1.463)

     54.188   (6.778)

  5.223    ( 529)

  31.146     (3.383)

           189.910

 Quelle: Statistische Angaben der Bundesagentur für Arbeit

Anmerkung:

Die Teilnehmer an diesen Maßnahmen gelten alle während deren Laufzeit als nicht arbeitslos, am "preiswertesten" sind kurzfristig (da ohne Berücksichtigung der Wahrscheinlichkeit der nachfolgenden Vermittlung in reguläre Arbeit) die
Trainingsmaßnahmen und die Arbeitsgelegenheiten.

Für die Betreuung der Arbeitslosen nach dem SGB III (Arbeitslosengeld-I-Empfänger) sind die Agenturen für Arbeit und nach dem SGB II (Arbeitslosengeld-II-Empfänger) die Arbeitsgemeinschaften bzw. Optionslandkreise zuständig.