Wirtschaftsaufschwung für Qualifizierungsoffensive von (Langzeit-) Arbeitslosen nutzen

 

30.04.2007

Sehr geehrte(r) Frau/Herr,

gestatten Sie, dass ich mich heute erneut an Sie mit einem Thema wende, das gerade in Zeiten eines relativ konstanten Wirtschaftsaufschwunges sogar noch eher als von uns schon seit Jahren vorhergesagt bereits zu einem echten Problem für viele Unternehmen in Deutschland und auch in unserem Bundesland geworden ist: das Fehlen von dringend benötigten Fachkräften.

Dass es hierbei nicht nur um akademisch vorgebildete Fachkräfte (z. B. Maschinenbauingenieure) geht, belegt u. a. ein Beitrag, der am 21.04.07 in der „Volksstimme“ veröffentlicht wurde.

Hierin heißt es:   „27 Prozent der deutschen Arbeitgeber haben Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu finden. Das ergab eine Umfrage des Personal- dienstleisters Manpower …. „Die meisten Einstellungen scheitern daran, dass der Bewerber nicht ausreichend qualifiziert ist.“, weiß Alexander Tennert, Regionaldirektor von Manpower in Magdeburg. Und das lasse sich auf alle Ebenen übertragen:    Dem Lagerarbeiter fehlt ein Staplerschein, die Sekretärin hat keine ausreichenden Fremdsprachenkenntnisse und der Dreher kann seine Maschine nicht programmieren. In Magdeburg habe das Unternehmen derzeit 75 offene Stellen, die sofort besetzt werden könnten.“

Auf der kürzlich durchgeführten Frühjahrstagung des VDP Sachsen-Anhalt wies deshalb auch Rainer Bomba, Geschäftsführer Operativ der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt/Thüringen der Bundesagentur für Arbeit, darauf hin, dass es nun wichtig sei, insbesondere die in unserem Bundesland noch immer vorhandenen zahlreichen Langzeitarbeitslosen verstärkt für die Bedürfnisse auch des regionalen Arbeitsmarktes zu qualifizieren.

Hierfür – so Rainer Bomba – würden künftig aber nicht mehr Kurzzeitkurse wie Trainingsmaßnahmen oder die Vermittlung einzelner Bildungsbausteine (-module) genügen, sondern insbesondere für eine erfolgsversprechende Aktivierung von Langzeitarbeitslosen mit dem Ziel der Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt (Aufnahme einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung ohne zusätzliche staatliche Subventionen) seien qualitativ hochwertige und auch zeitintensivere Weiterbildungsmaßnahmen dringend erforderlich. Auch müsse man seitens der Politik, der Wirtschaft und der Arbeitslosengeld-I- und II-Träger wieder verstärkt auf „Bildung auf Vorrat“ setzen, um dem Arbeitskräftebedarf der Unternehmen schneller und flexibler als bisher Rechnung tragen zu können (bei einer gleichzeitigen Entlastung der sozialen Sicherungssysteme).

Diese Erkenntnisse werden jedoch noch immer sehr zögerlich von den Arbeitslosengeldträgern in den einzelnen Arbeitsagenturbezirken umgesetzt, insbesondere von vielen Arbeitslosengeld-II-Trägern.

Nachdem das Arbeitsmarktinstrumentarium „Förderung der beruflichen Weiterbildung (FbW)“ im Jahr 2005 in Sachsen-Anhalt hinsichtlich seiner Nutzung auf einem absoluten Tiefstand angekommen war, konnten hier die privaten Bildungsdienstleister auch in unserem Bundesland im Jahr 2006 eine leichte Erholung feststellen (Ausnahme: AA-Bezirk Dessau, wo 2006 sogar noch weniger Arbeitslose in eine berufliche Weiterbildungsmaßnahme eingemündet sind als im Jahr 2005). Dieser Anstieg ist nach dem von Herrn Bomba vorgestellten Zahlenmaterial aber in erster Linie auf die Bemühungen der Arbeitslosengeld-I-Träger zurückzuführen, während diesbezüglich bei den Arbeitslosengeld-II-Trägern im Vergleich zum Jahr 2005 kaum Veränderungen eingetreten seien. Der Anstieg der Nutzung von Weiterbildungsmaßnahmen darf zudem nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch im Jahr 2006 in Sachsen-Anhalt wieder mehr Arbeitslose in AB-Maßnahmen und vor allem in Trainingsmaßnahmen sowie 1-€-Jobs eingemündet sind als in berufliche Weiterbildung. Zu Ihrer Orientierung finden sie als Anlage zu diesem Schreiben eine Auswertung der im Jahr 2006 in den einzelnen Arbeitsagenturbezirken (also auch in Ihrem Wahlkreis) genutzten wesentlichen Arbeitsmarktinstrumente.

Unter diesen Voraussetzungen bitte ich Sie deshalb darum, sich im Rahmen Ihrer Möglichkeiten intensiv für eine weitere Aufwertung der beruflichen Weiterbildung einzusetzen, allein schon, um den benannten Wirtschaftsaufschwung zu nutzen, um noch positivere volkswirtschaftliche Effekte zu erreichen und die in Deutschland tätigen Unternehmen auch ohne eine neue „Greencard-Regelung“ bei ihrem Kampf um eine globale Wettbewerbsfähigkeit zu unterstützen.

Als Signal aus der Bundespolitik wäre diesbezüglich z. B. denkbar, den gesetzlich vorgesehenen sog. „Aussteuerungsbetrag“ dann auszusetzen oder zumindest eine Anrechnung vorzunehmen, wenn ein Arbeitsloser noch während der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I mit einer beruflichen Weiterbildungsmaßnahme beginnt. Außerdem sollten die „unverkürzbaren Umschulungen“  im Sinne von § 85 Abs. 2 SGB III so flexibilisiert werden, dass eine Weiterbildungsförderung über die Arbeitslosengeldträger zumindest dann erfolgt, wenn eine Finanzierung des ersten Ausbildungsabschnittes sichergestellt ist.


Für mögliche Rückfragen stehe ich Ihnen gern zur Verfügung. Schon jetzt danke ich Ihnen herzlich für Ihr Interesse und Ihre Bemühungen.

Mit freundlichen Grüßen

Jürgen Banse
- Geschäftsführer -


Verteiler:   - Bundestagsabgeordnete Sachsen-Anhalts